Gestern Abend lief auf der ARD die Reportage “Spielen, spielen, spielen … wenn der Computer süchtig macht”. Erfreulich an der mit 45 Minuten doch recht langen Sendung ist der Umstand, dass die Autoren sichtlich bemüht waren, keine allzu einseitige Kritik an Computerspielen unterzubringen, sondern vielmehr versuchten, die wirklichen Probleme bei dem Phänomen Computerspielsucht aufzuzeigen und dabei sogar verschiedene Generationen vorstellten.
Als jemand, der nunmehr seit 10 Jahren in der Spielebranche sein Geld verdient und seit 20 Jahren, stellenweise auch intensiv, ja zu intensiv, Computerspiele konsumiert bzw. konsumiert hat, möchte ich aber trotzdem einen Kommentar loswerden. Wie so viele Sendungen, die am Ende als wirkliche faire Berichterstattung einzuordnen wären, hat die Sendung gestern meiner Meinung nach vermissen lassen, Leute zu Wort zu kommen, die regelmäßig Computerspiele konsumieren und dabei nicht in eine derartige Abhängigkeitsspirale gelangen, wie es bei den drei vorgestellten Einzelschicksalen der Fall war. Dabei will ich nicht hervorheben, dass diese Personen vielleicht anderweitig psychologische Probleme haben/hatten, denn dafür bin ich zum einen nicht ausgebildet und zum anderen sind die genauen Familienumstände und dergleichen überhaupt nicht bekannt.
Vielmehr möchte ich diese Gelegenheit kurz nutzen, von mir zu erzählen. Ich habe schon als Jugendlicher relativ regelmäßig Computerspiele gespielt, trotzdem habe ich es immer geschafft Freunde zu haben, ich habe es geschafft ein Jahr im Ausland zu verbringen und ich habe mit relativ guten Noten mein Abitur absolviert. Auch danach habe ich nicht nur eine Affinität zu Computerspielen gehabt, sondern sogar mein Studium damit finanziert, eben diese zu testen. Das Studium habe ich trotzdem befriedigend und überdurchschnittlich zu einem Abschluss gebracht. Ich habe sogar ein Unternehmen gegründet und geleitet, das sich rein mit Computerspielen beschäftigt und es doch geschafft, meine juristische Ausbildung in allen Facetten zu beenden, um schließlich als Rechtsanwalt tätig sein zu können.
Ich spiele übrigens auch seit dem Erscheinen World of Warcraft. Und obwohl es Phasen gab, in denen ich im Rückblick vielleicht zu viel gespielt haben mag, ich denke ich wurde nie in dem Sinne abhängig, dass man behaupten kann, dass ich “krank” war oder dass ich gar mein Leben vernachlässigt habe. Das kann ich sagen, obwohl ich ohne jede Einschränkung dem Umstand zustimmen kann, dass World of Warcraft, und viele weitere Spiele, natürlich einen Faktor des menschlichen Suchtempfindens stimulieren, so funktionieren nun einmal Computerspiele; so funktionieren allerdings auch Fernsehserien mit Cliffhängern, so funktionieren Sammelkartenspiele und so funktionieren in einem gewissen Maße auch Musikbands, die große Publikumsscharen begeistern. Von Alkohol und Nikotin muss man dabei gar nicht erst anfangen.
Bin ich nun eine besonders starke Persönlichkeit? Ganz sicher nicht. Vielmehr bin ich eher eine ganz normale Persönlichkeit mit einem stabilen Familienleben und einem reichhaltigen sozialen Umfeld. Die Suchtfaktoren von Computerspielen, die in der Sendung gestern bemängelt wurden, können mich daher nicht derart stark beeinflussen, wie dies bei den drei vorgestellten Personen der Fall war, bzw. gelingt es mir und sehr vielen weiteren World of Warcraft-Spielern, ein Computerspiel in der meisten Zeit als genau das zu sehen, als was es konzipiert ist: Eine Freizeitbeschäftigung und eine Abwechslung vom Alltag.
Damit sei nicht ausgeschlossen dass bedauerliche Schicksale, wie gestern vorgestellt, geschehen können und dass Computerspiele dabei nicht ihren Teil zu beigetragen haben. Ich selbst habe Menschen kennengelernt, auch in World of Warcraft, die es ebenfalls mit der Spielzeit übertrieben haben und deren reales Leben gelitten hat. Ich habe aber auch Personen kennengelernt, die diese Sucht selbst überwunden haben, Menschen, die überhaupt nicht beeinflusst wurden und vor allem Menschen, die nach einiger Zeit zu der Erkenntnis gekommen sind, dass nicht World of Warcraft an einem Suchtsympthon, wie der Verlust einer Partnerschaft, schuld ist, sondern nur sie selbst.
Und genau diesen Umstand habe ich gestern an besagter Sendung vermisst. Zumindest indirekt wollte die Sendung klar machen, dass Computerspiele allein an den vorgestellten Schicksalen schuld sind und die unbesorgten Hersteller dieser Computerspiele an den Schicksalen noch Geld verdienen und sich sodann in schicken Clubs in Hamburg auch noch selbst feiern. In diesem Moment kehrte sich für mich der eigentlich positive Eindruck der Sendung zumindest teilweise ins Negative, denn dieses Fazit kann ich aus eigener Erfahrung und aus der Erfahrung als Redakteur eines Computerspielmagazins einfach nicht bestätigen. Computerspiele können nämlich für diese Schicksale sicher einen Anlass geben, aber am Ende kann man es mit Max Frisch und seinem Homo Faber halten und vielmehr resümieren, dass doch jeder seines eigenen Glückes Schmied ist.
Geschrieben von: Marian Härtel